Q1 Projektkurs zu Besuch bei “Glückauf in Deutschland!” in Berlin

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Glückauf in Deutschland!

Auf Einladung von NRW-Minister Karl-Josef Laumann besuchte der Projektkurs „Klima. Kohle. Knete. Kohleförderung und die Folgen für Mensch und Umwelt“ der Q1 des Couven-Gymnasiums unter der Leitung von Andrea Genten und Axel Huppertz vom 17.- 19.02.2019 die Ausstellungseröffnung „Glückauf in Deutschland“ in Berlin.

Ausstellungseröffnung:

Der Projektkurs der Jahrgangsstufe Q1 “Klima. Kohle. Knete – Kohleförderung und die Folgen für Mensch und Umwelt” des Couven-Gymansiums Aachen unter der Leitung von Andrea Genten und Axel Huppertz wurde vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW in die Landesvertretung Berlin zur Eröffnung der Ausstellung “Glückauf in Deutschland – Eine Spurensuche über 10 Stationen” eingeladen. Dort hatten wir Gelegenheit, ehemalige Bergmänner, die zwischen 1964 und 1973 als Jugendliche mit 16 Jahren aus der Türkei von Deutschland angeworben wurden, um hier eine Lehre im Bergbau zu absolvierten, persönlich zu interviewen und ihre Geschichten bzw. ihren Werdegang näher kennenzulernen.

Von den neun Zeitzeugen, die die Ausstellung in aller Ausführlichkeit portraitiert, waren sechs Zeitzeugen bei der Ausstellungseröffnung in Berlin vor Ort, um Ihre persönlichen Geschichten und Erfahrungen zu teilen.

Minister Karl-Josef Laumann eröffnete unter Anwesenheit der Zeitzeugen und zahlreicher Gäste die Ausstellung, welche feierlich durch den Bergmannschor musikalisch umrahmt wurde.

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Die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Viktoria Waltz, vom Verein für Internationale Freundschaft Dortmund, interviewte die Zeitzeugen und ließ deren Lebensgeschichte hierdurch für alle lebendig erfahrbar werden. An der Ausstellungseröffnung nahmen sechs Zeitzeugen in Begleitung ihrer Ehefrauen teil: Hasan Akdeniz, Recep Celikoglu, Hasan Demirci, Haliz Güner, Zeki Kanag und Murtaza Karaoglu.

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Ziel der Ausstellung ist es, die Leistung der einzelnen Menschen zu würdigen, den ehemaligen Gastarbeitern ein Gesicht zu geben und sie nicht nur als Vertreter einer bestimmten Gruppe zu betrachten. „Ihre Biographien zeigen deutlich, wie gut Integration gelingen kann, wenn sie politisch gewollt ist und die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden“, so Dr. Viktoria Waltz.

In diesem Sinne äußerte sich ebenfalls Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, der die Vorteile einer offenen und toleranten Gesellschaft betonte, die auf nationaler wie internationaler Ebene Freundschaften und Integration fördert und in der Ausgrenzung keinen Platz hat. In diesem Zusammenhang rief Karl-Josef Laumann zur Beteiligung an den kommenden Europawahlen auf, die für das Fortbestehen Europas in Frieden und Freiheit entscheidend sind.

Den feierlichen Abschluss der Veranstaltung bildete der Auftritt des Bergmannchors mit dem traditionellen Lied „Glückauf, der Steiger kommt!“, das alle Anwesenden kräftig mitsangen und abschließend mit dem traditionellen Bergmannsschnaps begossen.

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Blitzlichter aus den Interviews mit den Zeitzeugen im Rahmen der Ausstellungseröffnung:

Im Anschluss an die offizielle Veranstaltung hatten wir Gelegenheit, persönlich mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen.

So unterschiedlich die Lebensgeschichten der einzelnen Zeitzeugen auch sind, sie alle litten unter Heimweh bzw. der Trennung von ihren Familien, gleichzeitig nahmen sie die Möglichkeit einer Ausbildung in Deutschland als große persönliche Chance wahr. Für sie und ihre Familien gab es einige Schwierigkeiten, sich in einem neuen Land zurechtzufinden, dennoch sprechen viele von Deutschland als ihrer zweiten Heimat. Sie sehen sich heute als Teil der Gesellschaft und wollen mit der Ausstellung zeigen, wie eine erfolgreiche Integration gelingen kann.

Die Zeitzeugen berichteten u. a. von Pestalozzi-Familien, bei denen sie mit anderen Jugendlichen aufgenommen wurden. Neben 2-3 Tagen Arbeit im Steinkohlebergbau wurde täglich acht Stunden lang Deutsch gelernt, um eine Ausbildung erfolgreich abschließen zu können. Für Freizeitaktivitäten war kaum Zeit. Besonders hat war der Alltag für die, die nach erfolgreicher Ausbildung weiter studierten. Von vier Uhr morgens bis ca. 14.00 Uhr arbeiteten sie unter Tage, dann ging es bis 21 Uhr zur weiterführenden Schule.

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Im großen Saal traf ich auf den ehemaligen Bergmann, Recep Celikoglu. Herr Celikoglu war sehr offen für Fragen über seine Biographie, sodass das Interview für mich sehr bereichernd war, und ich vieles dazulernen konnte.

Bis zu diesem Gespräch dachte ich, dass die Gastarbeiter ohne eine bestimmte Aus- bzw. Weiterbildung ihren Berufen nachgingen. Jedoch hat jeder der Zeitzeugen in Deutschland einen qualifizierten Abschluss gemacht und studiert. Vor allem aber hat mich das Thema der Unterbringung in den Familien in Deutschland neugierig gemacht.

Viele türkische Jugendliche sind in ein Pestalozzidorf gekommen. Unter diesen Dörfern versteht man Wohnsiedlungen für Jugendliche, die im Bergbau ausgebildet werden. Die Wohnsiedlungen wurden nach dem Schweizer Pädagogen Johann-Heinrich-Pestalozzi benannt. Jedes Haus hatte einen “Hausvater”, der selbst im Bergbau tätig war und aufpasste, dass alle Jugendliche ihren Alltag meistern können. Herr Celikoglu sagte, dass es am Anfang sehr ungewohnt war in einem fremden Haus zu schlafen und sich am Essen zu “bedienen”, da er aus seiner Heimat einen ganz anderen Umgang kannte. Dort ist es unhöflich, wenn man sich aus einem fremden Kühlschrank, ohne zu Fragen, bedient. Andere Zeitzeugen fanden die Wohnsituation genauso gewöhnungsbedürftig, da man als türkischer Junge noch nie so weit weg von der Familie getrennt war.

Sehr beeindruckt hat uns, wie offen und engagiert die Teenager damals waren. Sie hatten nicht viel Freizeit, da sie ihre Ausbildung absolvierten, theoretischen Unterricht erhielten und zusätzlich noch die deutsche Sprache lernten. Das Thema „Unterkunft“ war für uns sehr bewegend, weil uns allen die Vorstellung schwerfällt, die familiäre Umgebung und das häusliche Umfeld verlassen zu müssen und in ein weit entferntes Land aufzubrechen.

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Besonders amüsant war es, als die Zeitzeugen über ihre ersten Erfahrungen mit Weihnachten berichteten, ein Fest, das in der Türkei nicht gefeiert wird, genauso wenig wie Ostern. Daher war es für die Jugendlichen aus der Türkei überraschend, dass man an diesen Tagen hier nicht arbeiten muss.

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Außerdem hat es uns sehr interessiert, wie die damals Jugendlichen mit ihren Familien zurecht gekommen sind, sowohl mit ihren leiblichen Familien in der Türkei als auch mit ihren neuen Pestalozz- Familien. Über die Pestalozzi- Familien wurde sehr gut geredet und sie waren ihnen heute noch sehr dankbar, ihre leiblichen Familien haben die meisten schmerzlich vermisst.

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Jeder dieser Zeitzeugen, die 1964 nach Deutschland kamen, hatte seine ganz eigene individuelle Lebensgeschichte. Eines hatten sie aber gemeinsam: Sie fühlten sich willkommen und gut aufgenommen in dem neuen, für sie fremden Land. Sie lebten in Pestalozzi-Familien, die sich um sie kümmerten. Niemand fühlte sich außerhalb der Gesellschaft. Integration erfolgte automatisch, ohne dass darüber viel gesprochen wurde.

Gesprächsrunde mit den Zeitzeugen am 18.02.2019:

Am Tag nach der Ausstellungseröffnung hatten wir erneut die Gelegenheit, mehr über die Lebensgeschichten der ehemaligen Bergleute zu erfahren und mit ihnen über aktuelle Entwicklungen zu diskutieren.

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In Gesprächen mit den Zeitzeugen haben wir Menschen erlebt, die als Jugendliche allein, ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind, hier eine Ausbildung gemacht, hart gearbeitet und z. T. später studiert haben und Ingenieure geworden sind. Alle waren froh, in Deutschland eine Chance erhalten zu haben und eine Ausbildung machen zu können. Sie haben das Beste aus ihrer Situation gemacht, auch wenn das Leben hier nicht leicht für sie war.

Ihre Erzählungen von Heimweh, Krankheiten und harter körperlicher Arbeit unter Tage haben uns auch zum Nachdenken angeregt. Diese Männer kamen aus einem anderen Land und haben für ein besseres Leben in den Minen von Deutschland gearbeitet und dem Land so den wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht. Beeindruckt hat uns auch, dass die Männer sich auch heute noch, nach ihrer Pensionierung in Gewerkschaften und politischen Parteien gesellschaftspolitisch engagieren.

D:\Unterricht\Sonstiges\Projektkurs\Berlin\Fotos\IMG_20190219_120158453.jpg D:\Unterricht\Sonstiges\Projektkurs\Berlin\Fotos\MVIMG_20190219_120155333.jpg Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, um mit Ihnen über den Klimawandel und den Kohleausstieg zu diskutieren.

Mit Blick auf den Kohleausstieg sei es schade, so die ehemaligen Bergleute, dass der Beruf, der ihnen damals so viele Türen öffnete, nun aussterbe. Dennoch sei der Ausstieg aus der Kohle zum Schutz des Klimas wichtig.

Die Zeitzeugen gaben uns mit auf den Weg, uns auch als Jugendliche politisch für unsere Zukunft zu engagieren, da wir es sind, die von den heutigen Entscheidungen am stärksten betroffen sein werden. Aktionen wie „Fridays for Future“ seien ein wichtiges Signal der jungen Generation an die Politik. Wie auch sie damals für eine Zukunft in eine unbekannte Umgebung reisten, in der Hoffnung ihre Möglichkeiten zu erweitern, trügen wir die Verantwortung, uns in der heutigen Zeit für unsere Zukunft bewusst einzusetzen. Damals war für sie der Kohleabbau eine Chance, die bald nicht mehr existieren wird. Wir sollten uns für unsere Chancen und Zukunft engagieren.

Wir danken dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW und insbesondere Frau Madlen Tangermann für die Einladung nach Berlin. Die vielfältigen Erfahrungen, die wir hier machen durften, haben uns sehr bereichert und werden noch lange nachwirken.

Der Projektkurs Q1 „Klima.Kohle.Knete- Kohleförderung und die Folgen für Mensch und Umwelt“

 

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